Julio Lambing

Liebe und Sex

Texte  ---  Vorträge, Radio, Workshops und Podiumsdiskussionen ---  Projekte

Hintergrund

Liebe und Sexualität sind in allen Kulturen und zu allen Zeiten fortlaufenden Veränderungsprozessen unterworfen. Die Ursachen sind vielfältig: Neue Lebensideale gewinnen an Aufmerksamkeit. Praktiken der Liebe und Sexualität werden kultiviert oder als obsolet angesehen. Soziale und wirtschaftliche Umbrüche lassen neue Sozial- und Begegnungsformen als vorteilhafter zur Lebensgestaltung erscheinen. Eine der zentralen Errungenschaften unserer Zeit ist z.B., dass in einigen Gesellschaften, die viele Jahrhunderte von einer Männerherrschaft geprägt waren, es mittlerweile gesellschaftlich geächtet ist, gegenüber Schwächeren bei der Ausübung von Sexualität Gewalt und Zwang auszuüben.

Doch das ist bei weitem nicht die einzige Veränderung. So verbreiten sich in den westlichen Industrieländern seit mehreren Jahrzehnten neue Formen erotischer Praktiken und Künste, die in Szenetreffs, Ratgeberliteratur, Filmen und Workshops praktiziert, vermittelt, weiterentwickelt und verfeinert werden. Dazu mag man so heterogene Dinge wie rituelle Erotik (etwa Neotantra und Tantramassagen), Swinging, BDSM, Fetisch- und Begegnungsparties, "neue Orgien" oder sexuelle Energielehren zählen. Einige von ihnen haben längst schon die Aufmerksamkeit des Mainstreams erregt. Eine ähnliche Diversifizierung fand auch in der Liebe statt. Das Modell der lebenslangen sexuell exklusiven Ehe zwischen Mann und Frau, die in einer Wohnstatt zusammenleben, ist bei weitem nicht mehr das einzige relevante Partnerschaftsmodell in den westlichen Industriestaaten. Singlehaushalte, homosexuelle Partnerschaften und serielle Monogamie (exklusive dyadische Partnerschaften auf Zeit) finden immer mehr Verbreitung. Die traditionelle Grenze in unserer Kultur, gemäß der erotische Liebesbeziehungen von Freundschaften (in denen Zuneigung nicht sexuell ausgedrückt wird) zu trennen sind, wird sowohl in dem privaten Lebensalltag wie in der öffentlichen Kommunikation immer öfter in Frage gestellt. Wir wissen zudem durch Untersuchungen, wie frappierend hoch seit Jahrzehnten das Vorkommen von sexuellen Seitensprüngen bei monogamen dyadischen Partnerschaften ist, vor allem in städtischen Milieus. Neu ist hier, dass diese immer schon diskrete Praxis durch Vermittlungsagenturen und Ratgeberliteratur als akzeptabel thematisiert und offen kommerzialisiert wird.

Die Forschung zeigt auch, daß seit mindestens 40 Jahren ein konstanter, kleiner Teil der Bevölkerung einvernehmlich nicht-monogame Formen von Partnerschaft, Liebe und Sexualität lebt. (Derzeit wird von 4 - 5 Prozent der erwachsenen Bevölkerung ausgegangen.) Solche einvernehmlichen Formen von Nicht-Monogamie sind eine Antwort auf das Bedürfnis, sexuelle Erlebnisvielfalt und -freiheit mit Ehrlichkeit, Verantwortung, Verlässlichkeit und dem Willen zur gemeinsamen Lebensgestaltung zu verbinden. Bereits seit über 150 Jahren lassen sich sowohl weltanschaulich-politische Bewegungen, die programmatisch nicht-monogame Lebensformen propagieren, als auch einzelne Bevölkerungsmilieus der gesellschaftlichen Oberschicht und der künstlerischen Bohème ausmachen, in denen Libertinage als akzeptabel gilt. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich eine öffentlichkeitswirksame Bewegung der "Freien Liebe", die neue Partnerschaftsformen nicht selten mit alternativen und kommunitären Lebensentwürfen und umfassenden gesellschaftlichen Reformvorstellungen verband. (In intentionalen Gemeinschaften mit starker ökologischer und antikommerzieller Ausrichtung sind nicht-monogame Lebensentwürfe bis heute deutlich mehr verbreitet als im gesellschaftlichen Mainstream.) Ab 1990 organisierten sich unter dem Begriff "Polyamory" im US-amerikanischen Raum Menschen, die in einvernehmlichen Liebesbeziehungen zu mehreren Personen leben oder solches anstrebten, dies aber nicht zwangsläufig mit einem umfassenden Gesellschaftsprogramm verbanden. Diese Strömung kann als entideologisierte Antwort der gut ausgebildeten Mittelschichten auf die "Freie Liebe"-Bewegung begriffen werden. Seit etwa 2002 begannen sich auch im deutschsprachigen Raum Menschen unter diesem Schlagwort über Websites, Mailinglisten und Stammtischen zu vernetzen. 

Das sich seit 2007 intensivierende Interesse der Massenmedien an polyamoren Lebensentwürfen mit all ihren Reportagen und O-Tönen beobachte ich zwiegespalten. Die Boulevardisierung des Privatlebens und die massenmediale Präsentation des eigenen Liebeslebens ignoriert nicht nur die Warnung von Hannah Arendt, daß das private Leben verbrennt, wenn das gleißende Licht der Öffentlichkeit auf es gerichtet wird. (Ich bin davon überzeugt, dass es jeder individuellen Liebe schadet, wenn sie auf Podien oder Talkshow-Sesseln verhandelt oder breitgetreten wird.) Sie ist ausserdem Teil einer untergründigen Kulturströmung, in der Formen des Intimlebens zum Objekt einer neuen kontitionierenden Biopolitik gemacht werden, und erzeugt so Effekte, die ganz und gar nicht zu den Idealen derjenigen passen, die sich öffentlich mit ihren alternativen Partnerschaftsentwürfen präsentieren. Zugleich erkenne ich aber an, daß immer wieder Menschen durch solche öffentlichen Berichte zum ersten mal davon erfahren, dass andere ähnlich lieben wie sie.

Ich selbst lebe seit mehr als zwei Jahrzehnten in einem sozialen und kulturellem Umfeld, in dem nicht wenige Menschen nicht-dyadische Formen von Liebe praktizieren oder sich mit erotischen Künsten beschäftigen. Ich habe vielfältig damit im Alltag zu tun und begegne diesen Dingen auf Schritt und Tritt. Ich bin zwar überzeugt, dass - wie es Michel Foucault einmal in Bezug auf die schwule Szene formulierte - solche Lebensweisen und Praktiken "Diagonalen" in das gesellschaftliche Machtnetz zu ziehen vermögen, glaube jedoch nicht daran, daß sie "besser", "natürlicher" oder "fortschrittlicher" als andere sind oder gar zu einer "Befreiung" der Sexualität oder der Liebe beitragen. Sie können ebenso Engstirnigkeit, Verantwortungslosigkeit, Unreife widerspiegeln wie sie Ausdruck von Reife, Umsicht und Weitsicht sein können. Aber sie sind konstanter Teil meiner Lebensumgebung, beeinflussen nunmal mein Leben und ebenso das Leben vieler, die mir nahestehen.

Deshalb setze ich mich für die Entwicklung von komplexen Lebenszusammenhängen ein, die die Liebe im Plural oder auch die Ausübung diverser erotischer Künste nicht nur stützen, sondern als Bestandteil eines guten Lebens ermöglichen. Solche Praktiken verlangen der moralischen und politischen Reflektion. Es stellt sich die Frage, wie nicht nur Gewohnheiten ausgeübt, sondern ein Ethos kultiviert wird - und sei es nur für kleine Gruppe von Menschen. Das ist keine triviale Frage: Wir leben in einer Welt, die jahrhundertelang auf das heterosexuelle monogame Paar zugeschnitten war und ein ganzes Lebensnetz aufspannte, um die monogame Ehe zu tragen. Zugleich wurde Liebe und Sexualität privatisiert, als Angelegenheit einer Einzelnen betrachtet. Wer also im schickem Habitus des Bohémiens und der Libertine auch die Liebe und Sexualität zu mehreren Menschen als etwas ansieht, das man alleine und für sich regelt, befindet sich ganz in Übereinstimmung mit dem individualistischen Zeitgeist. Die erotische Einzelkämpferin, die sich freizügig auf dem Paarungsmarkt bedient, steht nicht im Gegensatz zur treusorgenden, monogamen Lebensabschnittsgefährtin, sondern ist ihr gesellschaftliches Alter Ego. Beide verfolgen individualistische Entwürfe von Liebe, in der andere Menschen oft eher Mittel statt Zweck sind.

Aber für eine Vielzahl an Menschen haben nicht-monogame Formen der Liebe und Sexualität - vor allem dann wenn sie verantwortungsvoll gelebt werden soll - Auswirkungen auf alle möglichen Bereiche des Lebens: Soziale Absicherung, Wohnraum, Familienplanung, Pflegearrangements bei Krankheit und im Alter, Geschlechterrollen, Gesundheitsfragen und Hygiene, Einkommensaufteilung, Hausarbeit, Versorgungsansprüche, Zeitaufteilung des Alltag, Erbschaftsfragen, Schwangerschaft, Umgang mit Eltern, Kindern und Verwandten und vieles mehr. Sie wollen oder können sich aus ökonomischen, sozialen oder ethischen Gründen den Modus der Einzelkämpferin nicht leisten, sondern sind ebenfalls auf ein Lebensnetz angewiesen, das ihre Art zu lieben unterstützt: Kommunikationstechniken und andere zwischenmenschliche Fertigkeiten,Rollenmodelle, Vorbilder, Symbole, Geschichten, Spruchweisheiten, Institutionen, moralische Begriffe, Tugenden, Mikropraktiken, Sitten und Gebräuche, Gesetze, neue Arbeitsformen und vieles andere mehr. Ich bin zudem überzeugt, dass neue Sozialformen im Zusammenleben - ähnlich der intentionalen Gemeinschaften und der Wahlfamilien - benötigen, wenn die Liebe im Plural und andere nicht-dyadische Formen der Sexualität nicht in einer Kultur des wechselseitigen erotischen Benutzens enden wollen.



Vorträge, Radio, Workshops und Podiumsdiskussionen

Unter anderem:

"Liebe und ihre Abweichungen"
Vortragsreihe auf dem "Neunzehnten überregionalen Treffen für polyamore Menschen", veranstaltet vom Polyamoren Netzwerk e.V. (PAN); Gut Frohberg / Käbschütztal, 6. bis 9. Oktober 2015
(Etwa 50 Teilnehmerinnen waren an drei aufeinanderfolgenden Tagen geduldig und aufmerksam bereit, sich Dutzende von Tabellen und Grafiken sowie begriffliche, geschichtliche und sexualpolitische Analysen zu Gemüte zu führen.)

"Liebe, nicht nur Sex! – das Phänomen Polyamory"
Vortrag im Rahmen des "Liebeskunstfestival - the very first time", in Berlin, 21. August 2015
(Das "Amory" in dem Wort "Polyamory" macht die starke Verbindung der Poly-Bewegung zu den Ideen der "Romantischen Liebe" deutlich. Von einigen Akteuren wird der Begriff entsprechend offensiv zur Abgrenzung benutzt, etwa gegenüber sogenannten "rein sexuell" motivierten Beziehungen zu mehreren. Der Workshop warf sowohl einem Blick auf die Geschichte der Polyamory-Bewegung, die Ursachen für diese Abgrenzung als auch darauf wie Begriffe wie Freundschaft, Sex und Liebe entstehen und sich aufgrund veränderter Lebensgestaltung verändern.)

"Polyamory - Lieben im Plural"
"Theologische Lounge auf dem blauen Sofa" im Rahmen der Veranstaltungsreihe "LIEBESLEBEN - Identität und Lebensform", veranstaltet durch die Evangelischen Hochschulgemeinde Kassel (ESG); Kassel, 14. Januar 2014
(Auf Einladung des engagierten Studierendenpfarrers Krischan Heinemann stellte ich den Zuhörerinnen einige Aspekte des Themas "Polyamory" vor. Nette Runde, guter Wein. Eigentlich hätte mich ja eine ausführliche Diskussion zu der Frage interessiert, inwieweit die intersubjektiven Morallehren des Christentums, in denen Verantwortung und wechselseitige Abhängigkeit oft eine starke konzeptionelle Rolle spielen, bei der Gestaltung einer schöneren "Liebe im Plural" helfen können. Meines Erachtens haben einige zentrale zwischenmenschliche und soziale Probleme, vor denen polyamore Menschen oft stehen, mit den den invidualistischen-liberalen Ethiken des 19. Jahrhunderts zu tun, denen das Marktprinzip und ein zwischenmenschliches "Nichteinmischungsgebot" eingeschrieben ist. Aber leider kam es dazu nicht.)

"Der blutige Kuss der Göttin. Einblicke in die Geschichte des Tantra und Neotantra."
Vortrag auf der Tagung "Berührungskunst zwischen Tradition und Trend", veranstaltet durch den Tantramassage-Verband (TMV); Köln, 1. Juni 2013
(Mit einer gewissen Lust an Provokation und Ironie richtete sich der Vortrag an ein Publikum, das in weiten Teilen mit den NewAge-Klischees bezüglich Tantra nur allzu vertraut ist. Anhand einer Theorie über die Geschichte des Tantra, die im angelsächsischen Raum eine gewisse Aufmerksamkeit erzeugte, versuchte ich zumindest einen Einblick in ein ganz anderes Verständnis von Tantra zu geben.)

"Rituelle Erotik im Neotantra: Dienstleistung – Kunstwerk – Ritual?"
Vortrag auf der Tagung "Berührungskunst zwischen Tradition und Trend", veranstaltet durch den Tantramassage-Verband (TMV); Köln, 1. Juni 2013
(Tantramassage ist eine sinnliche Praktik, deren Einordnung schwer fällt: Sie beruft sich auf 'spirituelle' Wurzeln und beinhaltet rituelle Elemente. Sie wird in Kursen gelehrt und ist mit diversen Ausbildungsschritten verbunden. Sie kann als Dienstleistung gebucht werden. Manchmal wird sie mit Heilung verbunden. Von einigen Schulen wird sie als 'Körperkunst' begriffen und mit anderen Bewegungskünsten kombiniert. Der Vortrag versuchte innerhalb jenes Milieus, das sich mit Tantramassage beschäftigt, eine Diskussion zur Selbstverständigung anzustoßen.)

Julia Wagner, Rebecca Strobe (Universität Wien, Institut für Europäische Ethnologie): "Polyamory - Von der Möglichkeit viele zu lieben"
Radiosendung im Rahmen des Seminars: "Vermittlung kulturwissenschaftlicher Inhalte im Radio" der Universität Wien (Wintersemester 2012); Wien, Frühjahr 2013
(Eine Radiosendung von zwei Studentinnen, die bei den Telefoninterviews zwar nicht den besten Sound hat, inhaltlich aber gelungen ist: Die Sendung unterscheidet sich wohltuend von vielen Medienbeiträgen, die mit ihrer übliche Palette an Erlebnisberichten und betroffenen O-Tönen ermüdend langweilig sind. Mit Beiträgen der Sozialwissenschaftlerin Karoline Boehm, dem Erziehungswissenschaftler Thomas Schroedter und der Kulturwissenschaftlerin Barbara Eder ist das ganze eher ein Beispiel für Bildungsradio, das zum Weiterdenken anregt, als ein Infotainment-Happen des Dudel-Radios. Schöner Satz der jungen Redakteurinnen: "Das Handeln nach Grundsätzen der Polyamorie ist eigentlich eine gelebte Kritik an den gängigen Formen von Beziehung. Dabei erheben Personen in Mehrfachbeziehungen aber nicht den Anspruch, die richtige Lösung für jeden Menschen gefunden zu haben." Nett fand ich auch, daß man mir das Schlusswort gegeben hat.)

"Blut und Wasser - Alternative Vorstellungen von Familie und Verwandtschaft"
Mitdenk-Workshop auf dem "Zwölften überregionalen Treffen für polyamore Menschen", veranstaltet vom Polyamoren Netzwerk e.V. (PAN); Ferienpark Im Waldgrund / Truckenthal, 22. - 26. Mai 2013
(Ausgehend von dem Sprichwort "Blut ist dicker als Wasser" beschäftigte sich der Workshop mit Vorschlägen für eine alternative Konzeption von Familie, Liebe, Partnerschaft. Dabei griff er zur Anregung zum einen auf das Konzept "pit?-??a" aus der alt-indischen Schrifttradition zurück - eine Art generationenübergreifende Verpflichtung. Zum anderen versuchte er auch das "hamingja"-Konzept aus der altnordischen Texttradition für ein Verständnis von Gemeinschaft und Familie fruchtbar zu machen.)

"Auswahl in der Liebe: 'Sexyness' versus 'Charakter' "
Mitdenk-Workshop auf dem "Elften überregionalen Treffen für polyamore Menschen", veranstaltet vom Polyamoren Netzwerk e.V. (PAN); Schloss Buchenau / Eiterfeld, 21. - 24. September 2012
(In ihrem Buch „Warum Liebe weh tut“ schildert die Soziologin Eva Illouz, wie die Eigenschaft „Sexyness“ es ermöglichte, bei der Auswahl von „Liebespartnern“ soziale Grenzen zwischen Schichten, Milieus und Klassen zu überwinden. Traditionellere Auswahlverfahren zur Paarung wurden so abgelöst, Paarungsmöglichkeiten erweitert. Der Workshop diskutierte die Funktionsweise dieser traditionelleren Auswahlmöglichkeiten.)

"Utopie Station - Allein zu zweit? Liebe als Utopie. Ein utopischer Salon über die Zukunft zwischenmenschlicher Beziehungen"
Podiumsdiskussion im Rahmen der Veranstaltungsreihe Utopie Station des Nationaltheater Mannheim, der Ernst Bloch Stiftung und der Heinrich Böll Stiftung, Ludwigshafen, 5. Juli 2012
(Man hatte mich eingeladen, um Theorie, Geschichte und Entwicklung der Polyamorie-Bewegung (aus dem Geist des utopischen Romans) vorzustellen und dies in ein Gespräch über (utopische) Konzepte von Liebe und Partnerschaft einzubringen. Das wäre ein spannender Diskussionsgegenstand gewesen: Wer entwickelte Modelle einer Liebe im Plural, wie einflussreich waren diese Modelle und wo führen sie hin? Was hat das mit jenen Avantgarde-Paaren zu tun, die die eingeladene Hannelore Schlaffer untersuchte? Und wie spiegelt sich das in der erotischen Literatur wieder, die die eingeladene Claudia Gehrke seit drei Jahrzehnten verlegt? Stattdessen wurde ich z.B. in der ersten Hälfte der Veranstaltung gefragt, wie das denn so sei mit der Eifersucht und der Liebe zu mehreren. Oder was es mit dem Verein PAN auf sich habe, bei dem ich einer von zwei Dutzend Mitgründern bin. Für die Beantwortung solcher Fragen gibt es aber deutlich geeignetere Personen...)

"Sexuelle Befreiung, Polyamory und Verantwortung"
Mitdenk-Workshop auf dem "Zehnten überregionalen Treffen für polyamore Menschen", veranstaltet vom Polyamoren Netzwerk e.V. (PAN); Ferienpark Im Waldgrund / Truckenthal, 07. - 11. Juni 2012
(Es gab in den letzten 30 Jahren viel Kritik in der Öffentlichkeit an den Bewegungen der sexuellen Befreiung und an den erotischen Subkulturen. Der Workshop diskutierte, welche Kritik und Befürchtungen berechtigt sind und was erotische Subkulturen tun können, um einen verantwortungsvollen Umgang mit Sexualität und Liebe zu kultivieren.)

"Sex als Magie, Macht und Mythos"
Dreitägiger Workshop zu sechs okkulten sexuellen Traditionen; in Kooperation mit dem Rabenclan - Verein zur Weiterentwicklung heidnischer Traditionen e.V. und der Kulturinitative "Der Dritte Ort"; Bildungs- und Freizeithof Vreden, 28. - 30. Dez. 2011
(Bachanalien - Antike, Kaula-Tantra - 9. Jahrhundert, Libertin-Religion der "Dilletanti Society" - 1750 , Entstehung der wissenschaftlichen Psychologie - 19. Jahrhundert, Kult der Großen Göttin und Wicca - 1950, Kerista Village und Church of all Worlds - 1980)

"Lebensweisen und der Aufbau polyamorer Institutionen"
Mitdenk-Workshop auf dem "Neunten überregionalen Treffen für polyamore Menschen", veranstaltet vom Polyamoren Netzwerk e.V. (PAN); Schloss Buchenau / Eiterfeld, 30.09. bis 03.10.2011
(Fortsetzung der Veranstaltung vom Frühjahr.)

"Die polyamore Stadt? Wie sieht ein Welt aus, in der wir nicht nur polyamor, sondern auch gut leben können?"
Mitdenk-Workshop auf dem "Achten überregionalen Treffen für polyamore Menschen", veranstaltet vom Polyamoren Netzwerk e.V. (PAN); Burg Waldeck, 13. bis 16. Mai 2011
(Anhand zweier Texte von Alasdair MacIntyre und Michel Foucault untersuchten wir folgende Fragestellung: Jede Lebensweise braucht eine Vielzahl an Gegebenheiten, damit sie gedeihen kann. Was können wir nun tun, um unterstützende "soziale Infrastruktur" zu schaffen, die ein gutes Leben und nicht nur ein maximal freies Leben ermöglicht? Was sind ihre Grundeigenschaften, was muss sie leisten?

"Polyamory und Lifestyle-Packages"
Mitdenk-Workshop auf dem "Siebten überregionalen Treffen für polyamore Menschen", veranstaltet vom Polyamoren Netzwerk e.V. (PAN); Jugendgästehaus Hubertus / Butzbach; 26. - 28. Nov. 2010
(In populären Liebesfilmen wie "Pretty Women" oder "Avatar" hat die Liebe oft für eine oder beide Filmheldinnen einen Preis: Die Aufgabe der bisherigen Lebensweise. Wie ist das bei non-monogamen Lebensweisen? Der Umweltwissenschaftler Brian Davey hat für die Analyse alternativer Lebensstile das Konzept des "Lifestyle Package" wieder aufgegriffen und weiterentwickelt. Der Begriff drückt den Umstand aus, dass in den praktischen Arrangements des Lebens eine ganze Reihe von Elementen über die Zeit zusammenarbeiten und hinreichend miteinander in Einklang sein müssen. Ein leicht überfüllter, aber ausgesprochen unterhaltsamer Workshop, der auch dazu diente, sich die Milieugebundenheiten der Teilnehmerinnen des Treffens bewusst zu machen.)

"How to create a subculture?"
Mitdenk-Workshop auf dem "Sechsten überregionalen Treffen für polyamore Menschen", veranstaltet vom Polyamoren Netzwerk e.V. (PAN); Schloss Buchenau / Eiterfeld; 23. - 26. April 2010
(Nehmen wir an, dass eines der zentralen Unterscheidungsmerkmale von Kulturen der unterschiedliche Stil ist, mit dem Menschen Handlungen vollziehen: Welchen Stil wollen Menschen, die sich in polyamoren Zusammenhängen bewegen? Und welche Stile finden wir vor? Welche Rolle spielen hierbei Symbole, Mythen, Gebräuche, Bekleidungsgewohnheiten, Rituale, Sprache, Treffpunkte und Infrastruktur? Oder gibt es gar keine "Szene"?)

"Orgien und Fruchtbarkeitskulte"
Workshop auf dem "Zweiten überregionalen Treffen für polyamore Menschen", veranstaltet vom Polyamoren Netzwerk e.V. (PAN); Seminarhaus Taunus / Butzbach; 8. November 2008



Texte

Unter anderem:

Julio Lambing: "Zivilisiertheit, Fremdheit, Gemeinschaft und Widerfahrnis. Überlegungen zur modernen Konzeption von Orgien"
in: Website des Konkursbuch Verlags Claudia Gehrke, Februar 2013
(Seit etwa zwei Jahrzehnten verbreiten sich in Europa und den USA kollektive, sexuell grenzüberschreitende Veranstaltungen: Eine neue Form von Orgien. Dieses Essay versucht auszuloten, ob und wie heute Orgien möglich sind, die Tiefe und Bedeutung für unser Leben haben und mehr als ein Angebot der sexuellen Eventkultur oder des psychologischen Selbsterfahrungsmarktes sind. Es war ursprünglich als Diskussionsbeitrag für einen kleinen Zirkel an Aktivisten aus diversen sexuellen Subkulturen bestimmt, die sich mit neuen Formen kollektiver Sexualität beschäftigen oder entsprechende Veranstaltungen an verschiedenen Orten organisieren.)

Julio Lambing: "Orgien als Schmelztiegel der Widerfahrnis"
in: Claudia Gehrke u. Uve Schmidt (Hrsg.): Mein heimliches Auge XXVII. Das Jahrbuch der Erotik 2012/13; Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke; Tübingen 2012
(Eigentlich hätte diese Kurzversion des Aufsatz nocheinmal von mir überarbeitet werden müssen – auch der Arbeitstitel war vorläufig. Aber ich empfinde es als Ehre, dass mein Text in einer Jubiläumsausgabe des "Heimlichen Auges" abgedruckt wird, das dieses Jahr seinen dreißigsten Geburtstag feiert. Ich habe Hochachtung vor Claudia Gehrkes Engagement. Nicht nur, aber immer auch dann, wenn heutzutage irgendwelche medialen Aktivitäten bezüglich Erotik und Sex als "innovativ", "originell" und "revolutionär" angepriesen werden, lohnt ein Blick in alte und sehr alte Ausgaben dieses Jahrbuchs. – Die in dem Buch abgedruckte Textversion ist stark gekürzt, die Grundgedanken sind allerdings präsent, wenn auch allzu verknappt dargelegt. Die ausführliche Version findet sich auf der Website des Verlags, siehe oben.)

Julio Lambing: "Der blutige Kuss der Göttin. Die Bedeutung einiger sexueller Rituale im Tantra und Neo-Tantra"
in: Online-Magazin des Rabenclan - Verein zur Weitentwicklung heidnischer Traditionen, Juni 2011
(Ich kenne Neotantra seit vielen Jahren. Mit diesem Aufsatz wollte ich einmal die geschichtlichen Hintergründe einiger Traditionen des Tantra, welche sexuelle und grenzüberschreitende Rituale einsetzen, jenen neotantrischen Strömungen gegenüber stellen, die sich in den westlichen Industrieländern verbreitet haben. Das mag für den ein oder die andere desillusionierend sein. Der Text ist aber weder ein Klagegesang über die vermeintliche Verweltlichung und Entspiritualisierung des Tantra noch ein Abnicken des psychotherapeutischen, esoterischen oder vermeintlich matriachatstheoretischen Salbaders, das heute gerne verbreitet wird. Und ebensowenig wie ich das "alte" Tantra, wie es auf dem indischen Subkontinent entstanden ist und sich dann in Asien verbreitet hat, verherrlichen mag, schätze ich eine billige Verurteilung des Neotantra.)

Julio Lambing: "Sexualität und Ritual - Die Spielarten des Tantra"
in: Feigenblatt - Magazin für Erotisches, Ausgabe Nr. 24: "Tantra & Intimität"; S. 30 – 34; Frühjahr 2011
(Eine deutlich gekürzte, ungenauere, dafür aber wesentlich leichter lesbare Version des obigen Artikels.)

Julio Lambing: "Aktionsanalytische Organisation (AAO) - AA-Kommune, Friedrichshofs-Kommune und Otto Muehl"
Artikel im Rahmen des PolyWiki des Polyamoren Netzwerk (PAN) e.V.; Frühjahr 2011
(Ich habe immer wieder mit Menschen zu tun gehabt, die in der AAO gelebt haben oder sie für ihre eigene Ausbildung/Weiterbildung genutzt haben. Zwei davon sind mir ans Herz gewachsen. Es ist dumm und historisch ungerecht, die totalitären Spielarten lebensrefomerischer Projekte als die herausragenden Ahnen moderner nicht-monogamer Lebensstile und kommunitärer Sozialformen zu nennen. Dennoch muss man ihren Einfluss anerkennen und sie auch differenziert betrachten. Das bedeutet aber nicht, sie zu billigen oder gar zu verharmlosen. Das, was ich im Netz dazu fand, befriedigte mich nicht, also schrieb ich was eigenes.)

Julio Lambing: "Geschichte der polyamoren Bewegung in Deutschland, Österreich und Schweiz"
Artikel im Rahmen des PolyWiki des Polyamoren Netzwerk (PAN) e.V.; Frühjahr 2011
(Die deutschsprachige polyamore Bewegung hat ihre Wurzeln in einem bürgerlichen Kontext und sollte von den klassischen ideologischen Projekten der Freie-Liebe-Bewegung der 70er und 80er Jahre deutlich unterschieden werden.)

Julio Lambing: "Der Beitrag des Neuheidentums und Robert Heinleins zur Entstehung der polyamoren Bewegung"
Artikel im Rahmen des PolyWiki des Polyamoren Netzwerk (PAN) e.V.; Frühjahr 2011
(Zur Entstehungsgeschichte gerade der US-amerikanischen polyamoren Szene gehört unzweifelhaft auch das Neuheidentum. Das mag nicht in das Bild einiger Vertreterinnen der antireligiösen Linken, der Queer-Theorie oder des Feminismus passen - die wie alle Milieus dazu neigen, andere Traditionen als die ihrigen abzuwerten und aus der Historiographie herauszuschreiben.)

Julio Lambing: "Begriffsgeschichte des Wortes »Polyamory«"
Artikel im Rahmen des PolyWiki des Polyamoren Netzwerk (PAN) e.V.; Frühjahr 2011
(Das Wort "Polyamory" hat seinen Ursprung bei keiner derjenigen, die sich heute als seine Erfinderinnen bezeichnen. Seine Verwendung lässt sich bereits für die Zwanziger Jahre Anfang des letzten Jahrhunderts aufzeigen - wie ich dank einer Spur herausfand, die der Blogger Alan von "Polyamory in the News" in the Media ausgrub, aber selbst nicht weiter verfolgte. Soviel ich weiß, halte ich damit derzeit den Rekord hinsichtlich des frühesten Belegs seiner Erscheinung. Wann aber der Begriff "Polyamory" in seiner heutigen Verwendung entstand, ist mir immer noch unklar. Ich tippe: späte Siebziger.)



Projekte

Überregionale Treffen des Polyamoren Netzwerks (PAN) e.V. (2008 bis 2013)
- 2008 gehörte ich zu den Gründungsmitgliedern des Vereins und seit 2009 engagiere ich mich bei der Gestaltung, Konzeption, Durchführung und Leitung der Treffen. -
(Zwei- bis dreimal im Jahr versammeln sich 100 - 120 Menschen, die mit mehr als einer Geliebten Haus, Tisch, Bett oder das Herz teilen. Insgesamt waren es seit 2008 mehr als 1000 Anmeldungen. Die Teilnehmerinnen stammen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Treffen dienen zum Austausch, zur Vernetzung, zur Fortbildung und zur Organisation von Aktivitäten. Ich schätze diese Zusammenkünfte als Kondensationskerne eines Lebenszusammenhangs, der sich erst noch am herausbilden ist. Sie leisten einen wichtigen Beitrag in einer Gesellschaft, in der trotz aller Befreiungsrhetorik die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung einem monogamen, christlich geprägten und romantischen Lebens- und Liebesideal folgt. Immer wieder erleben wir als Organisatorinnen, wie bewegend es für Teilnehmerinnen ist, hier andere Menschen mit ähnlichen Lebensentwürfen anzutreffen und sich mit diesen über die Herausforderungen des eigenen Lebens auszutauschen.)

Subkulturen brauchen Rückzugsorte, um gedeihen zu können. Bitte haben Sie deshalb Verständnis, dass ich hier keine anderen Aktivitäten zu diesem Bereich aufführen werde.


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